ארגון יוצאי אירופה
MB Yakinton 2008

Avital Ben-Chorin erzählt aus ihrem Leben

 

Mit zehn Jahren Zionistin

Geboren bin ich 1923 in Eisenach. Wenn Leute nichts mit diesem Ort anzufangen wissen, dann mache ich sie darauf aufmerksam, dass außer mir Johann Sebastian Bach hier zur Welt kam. Eisenach, die Wartburg – deutscher geht es kaum noch. Als Einzelkind wurde mir eine sehr behütete Kindheit zuteil. Avital Ben-Chorin Mein Großvater war ein renommierter Arzt; in seinem Hause lebte auch eine dichtende Schwester meines Vaters; beide nahmen auf meine Erziehung Einfluss. Ich habe meine Kindheit als schön in Erinnerung; sie dauerte bis zu meinem zehnten Lebensjahr, dann kam Hitler an die Macht.

Bis dahin hatte ich sehr wenig Ahnung vom Judentum. Meine Eltern traten zwar nicht aus, doch war ihr Judentum ohne Inhalt. Ab meinem zehnten Lebensjahr bekam ich allerdings jüdischen Religions- und Hebräischunterricht und erhielt von meinem Lehrer interessante Bücher über die jüdische Geschichte, die mich fesselten. Ich fing an, die Synagoge zu besuchen und ließ mich zu einem jüdischen, zionistisch ausgerichteten Pfadfinderbund anwerben. Das war für mich die richtige Antwort in dieser Zeit. Die anderen sind in die Hitlerjugend gegangen. Ich brachte mit meinen zehn Jahren meinen Eltern sowohl den Zionismus als auch das religiöse Judentum nach Hause. So begannen wir z. B. Chanukka zu feiern.

Jugendalija als Antwort auf die Verfolgung

Die Judenverfolgung setzte in Eisenach schon am 1. April 1933 ein. Das war der erste Boykotttag, mit Umzug und schrecklichen Liedern und zufällig auch der Geburtstag meiner Mutter. Ein schlimmer Schock, besonders für ein Kind. Wenn die Leute heute sagen, sie hätten nichts gewusst, dann ist das einfach nicht wahr. Man hat aus allen Lautsprechern die Hitlerreden hören können und der Stürmer war überall angeschlagen. In der siebenten Klasse hatte ich einen Lehrer namens Hartmann. Sein Wesen entsprach seinem Namen, dazu war er ein Obernazi und hetzte die Klasse gegen uns auf. Eines Tages erfuhren meine Eltern von der Möglichkeit der Jugendalija. Sie wollten mich retten und aus dem Land bringen. Ich war dreizehn und den Ausschlag zum Gehen gab Hartmann. Ich wollte kein weiteres Jahr unter seiner Fuchtel verbringen. Er hat es böse gemeint, aber er hat mir das Leben gerettet. Meine Eltern und mein Großvater sind leider nicht mehr herausgekommen. Seine letzte Karte schrieb mein Vater aus Theresienstadt im Oktober 1944: „Wir müssen verreisen.“ Da wusste ich, wohin es ging.

Im Heim Ahava

Wir trafen in der Haifa-Bucht ein, sie war damals eine einzige Sandwüste. Aber das Heim Ahava besaß schöne neue gelbe Häuser. Und schon das Licht tat so gut. Es war wirklich ein Neubeginn. Ich war zwei Jahre in der Schule dort und danach in der sogenannten Jugendalija, wo man je einen halben Tag gelernt und gearbeitet hat. Allerdings bekamen wir keinen Schulabschluss. In der Ahava war einer meiner Lehrer Moses Calvary, ein umfassend gebildeter Mann, der in Martin Bubers Zeitschrift „Der Jude“ publizierte und so etwas wie mein geistiger Vater wurde. Der Leiterin des Heims, Beate Berger, einer gestrengen Frau, gelang es, uns ein liebevolles Heim zu geben. Unsere Lehrer und Erzieher waren größtenteils Neueinwanderer aus Deutschland. Die Wirtschaftsleiterin, Hanni Ullmann, gründete später ein neues Heim in Kirjath Gat.

Brücken mit Deutschland bauen

Lange Zeit konnte man sich gar nicht vorstellen, je wieder deutschen Boden zu betreten. Es kamen aber bewährte Deutsche nach Israel, wie zum Beispiel der Prälat Hermann Maas aus Heidelberg, der Juden gerettet hat und dem Judentum sehr verbunden war. Vonkatholischer Seite ist Gertrud Luckner ins Land gekommen. Nach diesen ersten Boten trafen Einladungen nach Deutschland ein. 1954 war das für meinen Mann noch undenkbar. Wir reisten 1956 zum ersten Mal nach Deutschland. Die Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen nahmen ihre Tätigkeit hier 1961 auf. 1963 wurde mein Mann während einer Vortragsreise gebeten, israelische Jugendgruppen zu organisieren und nach Deutschland zu bringen. Er antwortete: „Wenn meine Frau mir hilft.“ Und ich habe geholfen. Später hatten wir viele Kontakte zu Jugendgruppen sowie zu Austauschstudenten. Das hat sowohl mir als auch meinem Mann Freude bereitet. Martin Buber sagte einmal: „Die Jugend ist die ewige Glückchance der Menschheit.“ Meinem Mann lag sehr viel am christlich-jüdischen Dialog und er wurde ein Wegbereiter dieser Verständigung. Ich führe das Werk meines Mannes fort, weil es mir ein Anliegen ist.

Jenseits von Orthodoxie und Liberalismus: das Reformjudentum

Ich studierte am Lehrerseminar in Jerusalem und traf Schalom Ben-Chorin 1942 bei einer Vorlesungsreihe von Martin Buber über Judentum und Christentum. Unsere ersten Unterhaltungen betrafen diesen Themenkreis. Das zweite gemeinsame Thema war die Erneuerung des jüdischen Glaubens. Ich habe mich in der von meinem Mann gegründeten Reformbewegung sehr engagiert. Eines seiner Bücher trägt den Titel: „Jenseits von Orthodoxie und Liberalismus“ – daran halte ich mich. Es geht mir viel mehr um die Inhalte des Judentums und nicht so sehr um die Form, die von der Orthodoxie stark betont wird. Was man anzieht, was und wie man isst. Darauf kommt es doch gar nicht an. Mein persönlicher Traum wäre ein Erstarken unserer Bewegung. Wir haben zwar eine ganze Reihe von Gemeinden mit einer warmen, persönlichen Atmosphäre, wo Männer und Frauen miteinander beten können und auch Frauen ordiniert werden, doch es reicht mir nicht. Mir ist wichtig, dass breitere Schichten einen neuen gemeinsamen Weg finden, erst dann wird die Rückkehr der Juden in dieses Land eine echte Rückkehr sein.

Das ZeichenSchalom Ben-Chorin
Schalom Ben-Chorin

Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering
in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig
wie das Leben siegt.

 

Schalom Ben-Chorin verfasste das Gedicht 1942 in Anlehnung an Jeremia 1,11:
„Ein Wort von Gott erging an mich: ‚Was siehst du, Jeremia?’ Ich sprach: ‚Ich sehe einen erwachenden Mandelzweig!’ Und Gott sprach weiter: ‚Du hast recht gesehen! Denn ich wache und werde ausführen, was ich versprochen habe
.’“

 

MB 224, April 2008, Jahrgang 76.  
 

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