ארגון יוצאי אירופה
MB Yakinton 2010

Bin ich Jecke, bin ich „Freier“?/ Von Professor Raphael Nir


Bin ich Jecke, bin ich „Freier“?

Von Professor Raphael Nir

Der (begrenzte) Einfluss der Jeckes-Höflichkeitsregeln auf die israelische Sabres-Bevölkerung ist im Pessachheft (Yakinton 239) ausführlich behandelt worden. Die Einhaltung von Verhaltensregeln gehörte zu den gesellschaftlichen Normen, die die Einwanderer aus Mitteleuropa mit sich brachten. Der Benimmcode der Jeckes ist von den ‚Einheimischen’ oft mit Spott bedacht worden. Übertriebene Höflichkeit wird nicht selten als Naivität ausgelegt, als blinder Glaube an die Aufrichtigkeit und Fairness des Gegenübers. Aufgrund dieser Einstellung wurden die Jeckes von Sabres und anderen gern als „Freier“ bezeichnet. Der abwertende Ausdruck „Freier“ fand zunächst Aufnahme in den Slang, drang dann aber in die mittlere Umgangssprache vor und taucht auch in den Medien auf.

Ein „Freier“ ist der Kunde eine Hure

Im israelischen Sprachgebrauch ist ein Freier jemand, den man leicht ausnutzen und hinters Licht führen kann. Das „Weltlexikon für gesprochenes Hebräisch“ (Nativa Ben Jehuda und Dahn Ben-Amotz, 1972) definiert den „Freier“ als jemanden, mit dem Betrüger leichtes Spiel haben. Im 30 Jahre später erschienenen „Umfassenden Slang-Lexikon“ von Ruvik Rosenthal lautet die Definition „jemand, der leicht hereinzulegen ist, naiv (im abwertenden

Sinne)“. In seinem Buch „Ha-sira ha-leschonit“ (Die Spracharena), 2001 fügt Rosenthal hinzu (S. 141): „Ein Freier stellt den israelischen „Anti-Macho“ dar. Er ist der schwächliche, anständige Verlierer, der mit Schmach bedacht wird.“ Die Ironie will es, dass das Wort „Freier“, das zum Schimpfwort für die Jeckes wurde, aus dem Deutschen stammt, wo es aber etwas ganz anderes bedeutet. In älteren deutschen Wörterbüchern ist der Freier ein „Junggeselle, ein Bewerber (um ein Mädchen)“. Im heutigen Wortgebrauch allerdings hat sich die Bedeutung verändert. Hier ein Zitat aus einem zeitgenössischen Wörterbuch: „Frei-er, der; -s; 1. euph; ein Mann, der zu einer Prostituierten geht 2. veraltet; jemand, der ein Mädchen heiraten will. Die ursprüngliche Bedeutung „Verehrer, Bewerber“ ist veraltet; Freier ist jetzt ein Euphemismus für den, der zu einer Hure geht. Das Wort hat eine Reihe semantischer Veränderungen durchgemacht. Anfangs war der „Freier“ jemand, der „frei“ war, ein freier Mann. Von hier wandelte sich die Bedeutung zu einen Mann, der noch frei war von den Fesseln der Ehe, ein Junggeselle und dann spezieller: ein Junggeselle, der um eine Frau wirbt. Dann hat sich die Bedeutung noch einmal verschoben, so dass heute derjenige „Freier“ genannt wird, der sexuelle Befriedigung bei einer Prostituierten sucht.

Der Anti-Freier

Wie ist das Wort zu seiner israelischen Bedeutung gekommen? Offenbar auf dem Umweg über das Jiddische. Das in Osteuropa gesprochene Jiddisch war vom Polnischen beeinflusst, welches sich wiederum das Wort aus dem Deutschen geliehen hat. Anfangs wurde es in der ursprünglichen Bedeutung benutzt, zu der sich im Laufe der Zeit die Assoziation ‚unsicher, unschuldig’ gesellte. Aus dem Polnischen übernahm das Jiddische den „Freier“ hauptsächlich in der konnotativen Bedeutung und so gelangte es schließlich in den heutigen hebräischen Slang und meint in etwa das Gleiche wie das englische Wort „sucker“ (die hebräische Bedeutung ist allerdings deftiger). Das Phänomen des „Anti-Freiers“ ist aber eine hebräische Spezialität. Das Ideal „kein Freier zu sein“ ist immanenter Bestandteil des israelischen Ethos und hat deswegen das rege Interesse der Soziologen, Kultur- und Medienwissenschaftler auf sich gezogen.
Das Wort „Freier“ hat sich inzwischen Eingang in den öffentlich-politischen Diskurs verschafft. Ministerpräsident Nethanjahu erklärte beispielsweise in einer Rede: „Wir sind keine Freier“ …(und haben deswegen nicht die Absicht, ohne Gegenleistung aus den besetzten Gebieten abzuziehen). In der Werbesprache begegnen wir dem Ausdruck ebenfalls, so in einer Anzeige der Telefongesellschaft Besek, die erklärt, jeder, der ihr „Vergütungsangebot“ nicht wahrnehme, sei ein Freier. Der Freier gilt als Tor, der sich ausnutzen lässt, der sich als Opfer anbietet, weil er naiv ist und nicht durchtrieben genug. Das ultimative Bestreben eines Israelis ist es, „nicht als Freier dazustehen“. In welchem Maße dieser Begriff in den öffentlichen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat, belegt auch eine Prostesterklärung der in Israel lebenden Nachkommen von Soldaten der Südlibanesischen Armee: „Wir stehen als Freier da“, erklärten sie in einem am 1. Mai 2010 vom Zweiten Kanal ausgestrahlten Interview.

Das „Anti-Freiertum“ – Gefahr und Nutzen

Der häufige Gebrauch des Begriffs „Freier“ beruht auf der weitverbreiteten Annahme: „Die ganze Welt ist gegen uns“ (als ‚ganze Welt’ gelten in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Institutionen, die Ämter und Regierungsbehörden), mit denen sich das Individuum in einem beständigem Kampf sieht. Wer in diesem Kampf verliert, ist ein „Freier“. Aus dem Slogan „Sei kein Freier“ geht hervor, dass die Gesellschaft vermittels der Gesetze und Normen, die sie hervorbringt, sich dem Einzelnen in den Weg stellt und sogar mit ihm ringt. Die Aussage „Ich bin ein Freier“ enthält ein Geständnis und eine Selbstanklage. Aus dieser Auffassung spricht das Bedürfnis des Individuums, sich seine Ehre und sein Ego zu bewahren. Sie enthüllt eine Art Konkurrenz zwischen dem Einzelnen und der institutionalisierten Gesellschaft. Manche Soziologen behaupten, das Bestreben, nicht als „Freier“ dazustehen, berge potentielle antisoziale und egoistische Tendenzen, wirke von daher subversiv und stelle eine Gefahr dar. In extremer Form könne diese Haltung zur Absage an die gültigen Normen und Gesetze führen, zur Vernachlässigung der gesellschaftlichen Pflichten (wie z. B. Ehrlichkeit bei der Steuererklärung oder die Befolgung der Verkehrsregeln) und sogar in Aggression abdriften. Ist deswegen die völlige Ablehnung des „Anti-Freiertums“ gerechtfertigt? Bei genauerer Prüfung weist es sogar positive Elemente auf, es kann zum Bespiel ein gesellschaftliches Gewissen zum Ausdruck bringen oder Empfindlichkeit gegenüber behördlichen Verordnungen, die bestimmte Kreise benachteiligen. Dann würde das „Anti-Freiertum“ in der Weigerung stecken, die Unterdrückung des Anderen ohne Anteilnahme hinzunehmen. Es kann auf zwei Ebenen wirksam werden: in der Nicht-Annahme von Normen und Gesetzen durch den Einzelnen oder als Reaktion auf das Gefühl, Unrecht sei geschehen, die Allgemeinheit oder eine bestimmte Gruppe sei benachteiligt worden. Während das erstere auf Egoismus und antisozialem Verhalten beruhen mag, zeugt das zweite von gesellschaftlichem Bewusstsein, Empathie und Solidarität mit dem betroffenen Segment. Ein solches „Anti-Freiertum“ würde dann auf soziale Sensibilität und ein staatsbürgerliches Gewissen hinweisen.

Jecke am Steuer

Den Jeckes wurde, wie erwähnt, wegen ihrer Aufrichtigkeit das Attribut „Freier“ angehängt, denn sie waren in ihren Herkunftsländern zum Einhalten der Normen und zur Gesetztestreue erzogen worden (in den israelischen Gefängnissen sitzen kaum Jeckes). So ist es nicht weiter verwunderlich, dass es Einwanderer aus Deutschland waren, die das israelische Justizwesen aufgebaut und das Amt des Staatskontrolleurs eingeführt haben. Wie stehen die in Israel lebenden Jeckes zum Phänomen des „Anti-Freiertums“? Einerseits lässt sich unter den Jeckes die Tendenz beobachten, die Vorteile des „Freiertums“ hervorzuheben. Man achte zum Beispiel auf die von der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft verteilten Autoaufkleber „Jecke am Steuer“, die sich auf die positive Seite des jeckischen „Freiertums“ beziehen, auf ihr vorsichtiges, defensives Fahrverhalten.

Manchmal hört man von den Jeckes der zweiten Generation den mit einem gewissen Stolz vorgebrachten Satz: „Wir sind keine Freier mehr“, was besagen soll: im Gegensatz zu unseren Eltern haben wir einen Sozialisierungsprozess durchgemacht und das israelische Sabres-Ethos angenommen. Abschließend sei bemerkt, dass es gute Gründe gibt, den Ausdruck „Ich bin ein Freier“ von seinem Stigma zu befreien; ein bisschen mehr Freiertum würde der heutigen israelischen Gesellschaft nicht schaden.

Übersetzung aus dem Hebräischen:  Helene Seidler
 

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