ארגון יוצאי אירופה
MB Yakinton 2012

Jüdisch-deutsch-israelische Geschichte in eingebrannter Kunst/Von Tali Tamir

 

 

Jüdisch-deutsch-israelische Geschichte in
eingebrannter Kunst

 

Von Tali Tamir

 

 

In der westlichen Kunstgeschichte galt die Historienmalerei mindestens bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtigste Gattung der Malerei. In den vergangenen hundert Jahren ist dieser Glanz gewichen, heute gilt die Historienmalerei als veraltet und akademisch. Mit seiner Zuwendung zu diesem Genre geht der Maler Shy Abady ein spannendes Wagnis ein. Er folgt den Gattungsmerkmalen in der Wahl einer historischen Figur oder eines historischen Ereignisses, die eine Botschaft oder Einsicht vermitteln, verzichtet aber gleichzeitig auf das wichtigste traditionelle Erfordernis: eine Fülle von Figuren, Details und Nebenhandlungen. Er gibt der intimen Dimension Raum, die diesem Genre vorher völlig fehlte, und nähert sich der beladenen und fast unerträglichen Vergangenheit über das Private und Individuelle.

 

„Mein anderes Deutschland“ von Jerusalem direkt nach Berlin

Auf seinen rechteckigen Formaten aus Spanplatten erscheint stets nur eine Figur, die alle zeichnerische und visuelle Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Der Tänzer und Choreograph Vaclav Nijinsky, die politische Theoretikerin Hannah Arendt und der israelisch-rumänische Dichter Radu Klapper dienten als Ausgangspunkt für drei solche Serien, die gemeinsam gesehen einen kohärenten Arbeitsplan mit eigener innerer Logik erkennen lassen. Abady beschäftigt sich mit verschiedenen Lebensphasen der Figur, studiert ihre Merkmale und Körpersprache und entwickelt ein nachdenkliches persönliches Portrait, anstatt sich auf die Beziehung seines Modells zur Welt zu konzentrieren, wie es die Konvention der Historienmalerei vorschreiben würde. Abadys Interesse an deutscher Geschichte, und an der preußischen Monarchie im Besonderen, erwachte während eines längeren Berlin-Aufenthalts in den Jahren 2007 – 2008, der zur Entstehung der Serie "Mein anderes Deutschland" führte. Abady, geboren und aufgewachsen in Jerusalem, erhielt seine künstlerische Ausbildung im Sinne der asketischen Ethik des Modernismus in seiner lokalen israelischen Ausprägung. Die Entdeckung der reichen, monumentalen preußischen Kultur war für den Künstler ein ebenso faszinierendes wie abstoßendes Erlebnis. Die Begegnung mit der neoklassizistischen Bildhauerei erregte sein künstlerisches Interesse, rief allerdings wegen des immanenten Deutschtums auch innere Abneigung hervor.

Abady begab sich auf eine persönliche Reise von „Jerusalem nach Berlin", wobei er die Zeiger der Uhr zurückdrehte bis zur preußischen Monarchie, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ebenfalls ihr Ende fand. Der Stil der Monarchie des 19. Jahrhunderts schien ihm märchenhafte Züge zu tragen. Er sammelte Informationen über die kaiserliche Tradition, über die Macht des materiellen Reichtums, über die Schlösser und Paläste der preußischen Hohenzollern-Dynastie, über das selbstsichere, klassische Europa, das von seinem herannahenden Ende nichts ahnte. Aus der Fülle der deutschen und christlichen Mythologie wählte Abady bestimmte Figuren aus, rief sie in die Gegenwart zurück und stellte sie als Verkünder des Unheils dar. Er versetzte sie in eine andere Phase und in ein anderes Medium, sie erscheinen trist, monochrom und schwärzlich auf einem Untergrund von groben gelblichen Sägespänen. Mit Hilfe einer von ihm entwickelten Technik, dem Einbrennen von Linien mit einer elektrischen Nadel auf OSB-Grobspanplatten, macht Abady eine Aussage über eine Kultur, die Brandmäler hinterließ und unterging. Die Gravuren auf den billigen Grobspanplatten sind wie ein Echo der Geschichte, wie Narben auf der Haut, dem Gedächtnis eintätowiert.

 

Der Moment, in dem Herzl (vielleicht) mit Wilhelm zusammentraf

Im Vergleich zur Serie „Mein anderes Deutschland“, kehrt die Serie „Auguste Viktoria“ zu historischen Persönlichkeiten und Biografien zurück und nähert sich auch jüdischen Themen. Sie kreist um die Geschichte zweier Familien, die um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert lebten, und deren Lebenswege sich in einem historischen Moment kreuzten: die Familie der letzten preußischen Kaiserin Auguste Victoria von Schleswig-Holstein und die wienerisch-ungarische jüdische Familie Herzl. Abady zerlegt das flüchtige, zweifelhafte Zusammentreffen, bei dem Theodor Herzl sich vor Kaiser Wilhelm II, dem Mann Auguste Viktorias, aufbaute und von ihm Unterstützung für die zionistische Idee forderte, in verschiedene Teile und Ansichtswinkel, wobei nur Herzl, als einsame Gestalt, den Hut in der Hand, Wilhelms Pferd ohne Reiter und das architektonische Monument erkennbar bleiben, das von dem Besuch des Kaiserpaares im Heiligen Land zeugt, d. h. die Auguste-Viktoria-Kirche und mitsamt einer Pilgerherberge auf dem Jerusalemer Ölberg. Abady geht zu einem kurzen, aber entscheidenden Moment in der deutsch-jüdischen Geschichte zurück, der sich hätte erweitern, den geschichtlichen Verlauf ändern und der palästinensisch-israelischen Region eine andere Zukunft bescheren können. Von nun an treten in der Serie einige nur noch metaphorisch miteinander verbundene Personen auf. Er nennt sie bei ihren Vornamen, Hans, Joachim, Viktoria-Luise und widmet sich den persönlichen Tragödien, die beide Familien befielen, die kaiserliche als auch die jüdische: früher Tod, Wahnsinn, Selbstmord und innerer Zerfall.

 

Herzls persönliche Tragödie

Was die israelische Kunst betrifft, so kehrt Abady an deren Ausgangspunkt zurück, in die Zeit, als die Schüler an der ersten Kunstakademie im Land mit dem biblischen Namen Bezalel Porträts des verehrten Visionärs schufen und sein eindrucksvolles Profil dem kollektiven Erinnerungsvermögen einprägten. In der israelischen Kunst wurde die Figur Herzls seit vielen Jahren nicht mehr als Teil des zeitgenössischen künstlerischen Diskurses betrachtet. Abadys hat nach einer anderen Perspektive gesucht. Seine Sichtweise wirft ein ganz anderes Licht auf den Propheten der Nation, der nun als Privatperson erscheint, als Vater, als Verwandter, als Liebender und Begehrender.

Abady verweist auf den furchtbaren Preis, die jene bezahlen müssen, die zu nahe an den großen Visionen leben und an deren Feuer verbrennen. Er nimmt sich eines unbekannten Portraits von Hans an, Herzls jüngstem, spät geborenen Sohn, der nach einem persönlichen Leidensweg freiwillig aus dem Leben schied. Die Tragödien, die sich in der Familie Herzl abspielten, der Wahnsinn seiner Frau Julia, der Freitod von zweien seiner drei Kinder, der Tod seiner dritten Tochter im Vernichtungslager während des Zweiten Weltkriegs, wurden erst nach und nach bekannt, nachdem sie jahrelang von Kreisen, die den Visionär des jüdischen Staates ausschließlich als einen der Zukunft zugewandten stolzen Juden sehen wollten, verschwiegen worden waren.

Abady zieht die preußisch-kaiserlichen Familie als Metapher heran, mit deren Hilfe er eine Verbindung aufzeigen möchte zwischen glanzvollen historischen Abläufen und persönlichen Tragödien, die in eine ausweglose Situation führen. Auch Joachim, der jüngste Spross von Auguste Viktoria und Wilhelm II nahm sich das Leben, und seine Mutter, die Kaiserin, starb nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs gebrochenen Herzens im Exil.

 

Apokalypse auf dem Gipfel des Skopus-Berges

Die Serie „Mein anderes Deutschland" hob zerbrochene Fragmente von Statuen und Monumenten aus den Straßen Berlins ans Licht. Die Serie „Auguste Victoria" beschwört die Landschaft Jerusalems, wie sie vor hundert Jahren einmal war, herauf und betrachtet ihre wüstenhafte Leere. Der „Auguste Victoria“-Komplex steht einsam da, der 60 Meter hohe Kirchturm ragt vor einem reinen Horizont in den leeren Himmel. Als Jerusalemer kennt Abady die historischen und mystischen Stätten seiner Stadt natürlich sehr gut. Er zeigt uns die Linie, wo die Stadt an die Wüste grenzt, auf der einen Seite

bewohnt, auf der anderen öde und mysteriös. Früher eine Herberge für christliche Pilger, dient der Komplex jetzt als palästinensisches Krankenhaus. Während des Unabhängigkeitskrieges war der Ort heiß umkämpft, so dass Abady ihn als furchteinflößende, geschichtsträchtige Stätte darstellen kann. Er fragt nach dem, was war, und nach dem, was hätte sein können, als sei die Vergangenheit zurückgekehrt, um in der Gegenwart in einem unendlichen Kreis der Ereignisse, der das Leben der hier wohnenden Menschen bestimmt, erneut zu geschehen. Die Serie „Auguste Victoria" schließt mit einer Arbeit namens „The End", die an die letzte Einstellung von Filmen erinnert. Das Ende dieser Arbeit bedeutet für Abady der Augenblick, in dem alles, der innere Schwindel und die sich am Horizont zusammenbrauenden dunklen Wolkenberge, in eine schwarz gebrannte Linie zusammengepresst sind.

Mit der Entscheidung, eine historische Serie, die Materialien der beladenen deutschen und jüdischen Vergangenheit vereint, in einem abstrakten malerischen Ereignis und gleichzeitig mit einer konkreten, sich in die Oberfläche einbrennenden Aktion enden zu lassen, definiert der Künstler das menschliche Schicksal als Brandwunde apokalyptischer Spannung.

 

(Deutschland ist eine der malerischen Obsessionen des Künstlers Shy Abady, der sich in die Beziehung zwischen den beiden Völkern vertieft. Abady hielt sich im Rahmen eines Fortbildungsstipendiums des Goethe Instituts in Berlin auf. Seine Serien wurden der deutschen Öffentlichkeit in mehreren erfolgreichen Ausstellungen präsentiert. Die oben besprochenen Werke wurden bis zu Beginn dieses Monats in der Galerie Dan in der Gordonstraße in Tel Aviv gezeigt.)

 

  

Übersetzung aus dem Hebräischen: Helene Seidler

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